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Das Stigma des Nichtstuns

Das Stigma des Nichtstuns

Mit der Pandemie ist eine weitere Angst aufgekommen. Eine Angst, die in den Monaten davor nicht so hochgekommen ist wie jetzt, nämlich jene den Job zu verlieren. Doch was bedeutet es plötzlich ohne Tätigkeit dazustehen, welchen Wert hat das sogenannte Nichtstun in unserer Gesellschaft und haben Arbeitslose eigentlich mehr gemeinsam, als nur von allen anderen verachtet zu werden?

Die Pandemie und die Wirtschaftskrise

Die letzten Monate hatten es wahrlich in sich: Wir leben in einer Pandemie. Auf einmal ist da ein Virus, was unseren gewohnten Alltag sowas von durcheinander bringt, dass gefühlt kein Stein auf dem anderen bleibt. Doch nicht nur unsere Routinen wurden kräftig durcheinander gebracht oder auch außer Kraft gesetzt, sondern auch die Wirtschaft stand noch vor ein paar Monaten komplett still. Denke ich so zurück, kommt es mir immer noch so unwirklich vor. Wir haben die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Genau diese Situation bringt natürlich sehr viele Ängste und Sorgen mit sich. Nicht nur die Angst um die eigene Gesundheit, oder auch jene von Familien und Freunde lässt uns vielleicht nachts unruhig schlafen, sondern auch jene um unseren Job. Wir leben gerade in einer Welt die geprägt ist durch Kündigungswellen, Kurzarbeit und Stellenkürzungen. Es kann uns alle treffen, denn so etwas wie eine Jobgarantie gibt es nicht.

Wir müssen nun endlich erkennen, dass Arbeitslose nicht selbst Schuld an ihrem Schicksal sind, dass es uns alle betrifft, dass es kein Zufall ist.

Ani, Karrieregeflüster

Ich – und die anderen

Die Angst wird also immer realer: Dachte man sich vielleicht noch vor 1 Jahr – „mir wird das schon nicht passieren..“, so kann es jetzt wirklich jede/n von uns treffen und nicht immer nur die anderen. Somit ist es wichtig, das Bild eines Arbeitslosen zu überdenken. Wenn ich dich jetzt Frage: Wie sieht für dich ein typischer arbeitsloser Mensch aus?, so hast du wahrscheinlich ein konkretes Bild im Kopf. Vielleicht schwingen auch gleich ein paar markante Eigenschaften mit, wie beispielsweise „faul“, „unflexibel“ oder gar „dumm“. Dies sind jedoch Vorurteile, die – mag sein – auf einige Menschen zutreffen, aber vor allem nicht auf die Mehrheit. Genau mit diesen stereotypen Zuschreibungen wird aber Stimmung bzw. Politik gemacht. Dies führt dann dazu, dass sich Menschen versuchen mit aller Kraft „von denen da unten“ abzugrenzen: Diese Angst vor der Arbeitslosigkeit löst dann aus, dass sie weiterhin in ihre prekären Arbeitsverhältnisse gehen, obwohl sie sich krank fühlen (Beispiel: Tönnies). Sie sorgt auch dafür, dass sich Frauen und Männer immer noch hinter die Supermarktkasse setzen, obwohl sie vielleicht von MaskengegnerInnen angehustet oder unfreundlich behandelt werden usw. Die Angst sorgt also dafür, dass alle Menschen tun, was von ihnen verlangt wird.

Die Aufspaltung der Gesellschaft

Bitte merke dir unbedingt diesen einen Satz, den dieser fasst diesen Artikel perfekt zusammen: Die wenigsten Menschen, die arbeitslos werden, sind selbst Schuld daran! Arbeitslosigkeit ist somit einfach ein Teil, der zur Arbeitswelt gehört. Schon Marx nannte Arbeitslose „Reserve-Armee“, je mehr Menschen flexibel am Arbeitsmarkt verfügbar sind, desto rascher können sie auch bei Veränderungen eingesetzt werden. Doch seit Marx hat sich am Arbeitsmarkt viel verändert: Berufe haben sich verändert und manche HandwerkerInnen leben im Gegensatz zu früheren Jahren besser als so manche AkademikerInnen, die beispielsweise als JournalistIn in einem prekären Arbeitsverhältnis zum Mindestlohn arbeiten. Dadurch spaltet sich der Zusammenhalt in der Gesellschaft auf, nämlich in jene die arbeiten und jene, die es nicht tun. Arbeitslose werden daher nur darüber definiert, was sie nicht haben. Es geht sogar so weit, dass sie nicht mal als Gruppe existieren, die gemeinsame Wünsche oder Forderungen haben, denn man soll ja dieser „Gruppenzugehörigkeit“ bestmöglich entkommen. Spannend ist auch, dass sich Arbeitslosigkeit lange Zeit „Müßiggang“ nannte und im 16. und 17. Jahrhundert als Leitsünde galt. Arbeitslose wurden schon damals von den „fleißigen, arbeitenden“ Menschen abgeschottet und auch meist am Stadtrand angesiedelt. Wenn sich die Mittelschicht heute Arbeitslose ansehen möchte, braucht man nur den Fernseher einschalten, wo sie in diversen Sendungen oft in peinlichen Situationen vorgeführt werden. Das Stigmata wird dadurch manifestiert.

Indem Arbeitslose als faul oder dumm dargestellt werden, wird ihre Armut gerechtfertigt. Jede/r bekommt doch auch das, was er/sie verdient, oder?

Ani, Karrieregeflüster

Da ist sie, die Massenarbeitslosigkeit

Es mag beruhigend sein, diese Menschen so zu sehen, denn dann braucht man kein schlechtes Gewissen für den eigenen Reichtum zu haben. Indem sie als faul oder dumm dargestellt werden, wird ihre Armut gerechtfertigt. Jede/r bekommt doch auch das, was er/sie verdient, oder? Durch die Pandemie und die damit verbundene Wirtschaftskrise müssen sich aber auch Menschen mit Arbeitslosigkeit auseinandersetzen, die sich vorher meilenweit weg von ihr befunden haben. Wir müssen nun endlich erkennen, dass Arbeitslose nicht selbst Schuld an ihrem Schicksal sind, dass es uns alle betrifft, dass es kein Zufall ist. Nehmen wir beispielsweise die Kurzarbeit: Im Grunde ist diese Modell dafür da, dass Gehalt bereitgestellt wird, obwohl man nichts dafür leistet. Dass es dagegen keinen Protest gibt, ist natürlich von der allgegenwärtigen Lage abhängig, aber auch deshalb, weil es nun eine neue Klientel ist, die diese Leistungen erhält. Je mehr Menschen nun arbeitslos sind, desto größer ist die Identifikation und somit sind auch die Sicherungssysteme gerechter. Es muss also ein Umdenken passieren, auch wie wir künftig über Arbeitslose sprechen und welche Bilder wir in unseren Köpfen haben. Arbeitslosigkeit ist ein Zustand, in den jede/r von uns hineingeraten kann, oft plötzlich und ohne Vorwarnung. Gerade deshalb ist es wichtig, dass niemand daran leiden sollte.

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#KeyTakeAways

Arbeitslosigkeit hat nicht zwingend etwas mit Faul- oder Dummheit zu tun!

Arbeitslosigkeit kann uns alle treffen, egal welches Alter, welches Bildungsniveau, welche Herkunft wir haben!

Es liegt an uns, das Stigmata der Arbeitslosigkeit aufzubrechen und somit auch die Stereotypen in unseren Köpfen und Aussagen!

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