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Die New Work Lüge

Die New Work Lüge

New Work ist das Buzzword schlechthin und wird als der große „Heilbringer“ in der HR-Szene propagiert. Zu recht, stellt New Work doch die Person und deren Bedürfnisse in den (Unternehmens-)Mittelpunkt. Es geht sehr stark um Purpose, darum Prozesse und Dienstleistungen an den ArbeitnehmerInnen zu orientieren und nicht umgekehrt. Doch wie passen festgefahrene patriarchale Strukturen und dieser große Change hin zu „alle Menschen sollen gleich respektiert und behandelt werden“ zusammen. Hat New Work in diesem Kontext überhaupt eine Chance zu überleben …?

Traditionelle männliche Strukturen

Männliche Netzwerke sind keine Neuigkeit, auch dass unser gesamtes gesellschaftliches System auf dem Patriarchat, also auf männlich geprägten Strukturen basiert, soll hier kein Novum sein. Diese Strukturen sind sehr alt. Jegliche Veränderung ist äußerst schwierig und dauert gefühlte Ewigkeiten. Dass die Stellung der Frau in einem solchen System mit sehr vielen Nachteilen verbunden ist, ist unumstritten: Viele Bedürfnisse, seien sie psychisch oder auch physisch werden nicht wahrgenommen bzw. spielen eine untergeordnete Rolle. Warum auch – sitzen an den großen Hebeln derzeit viele alte weiße Männer, die ganz andere Ziele verfolgen. Hier geht es sehr oft um Machterhalt und -Ausbau und wie geschickt die eigenen Netzwerke eingesetzt und weiterentwickelt werden können. Der „Old Boys Club“ wie er leibt und lebt!

… fördern traditionelle männliche Netzwerke

Ich habe oberhalb ein sehr tradiertes Bild gezeichnet, welches meiner Meinung nach noch immer die derzeitige gesellschaftliche Situation – speziell wenn man auf die politischen Machthaber hinsieht – widerspiegelt. Bricht man dieses Bild nun auf die Unternehmensebene herunter, so beginnt es augenscheinlich ein wenig zu bröckeln. Gut so – meinst du vielleicht. Klar, Veränderungen müssen ja nicht immer Top Down passieren, sondern können auch von der Basis her bzw. aufgrund diverser Bedürfnisse geschehen. Dies möchte ich gar nicht in Frage stellen. Trotzdem dürfen die starren Strukturen des Patriarchats nicht außer Acht gelassen werden, die immer noch stark durchblitzen. Ein fundiertes Netzwerk oder System, welches bereits Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überlebt hat, lässt sich nun mal nicht in ein paar Jährchen verändern oder gar ausschalten. Wie jeder Organismus lebt es weiter, weil es sich anpassen kann und sich geschickt den äußeren Einflüssen widersetzt.

„Jene Werte, die mit dem „Old Boys Club“ in Verbindung gebracht werden, möchte man so nicht mehr akzeptieren. Sie haben schlichtweg ausgedient und sind veraltet.“

Ani, Karrieregeflüster

Sorry, Boomer!

In meiner Beobachtung ist dies auch bereits passiert: Diversität, Employee Experience, New Leadership – die HR-Schlagworte unserer Zeit haben auch den Old Boys Club beeinflusst. Dieser hat erkannt, dass die „alten weißen Männer“, die genau das Bild dieser männlichen Netzwerke prägen, ausgedient hat. Für diese „Boomer“-Generation, die genau für den Machterhalt auf Biegen und Brechen gekämpft hat – und dies sehr augenscheinlich und alles andere als hinter irgendwelchen Gardinen versteckt – wird es gesellschaftlich eng. Die Menschen haben erkannt, dass dies in eine New Work-Umgebung so nicht mehr passt. Jene Werte, die mit dem Old Boys Club in Verbindung gebracht werden, möchte man so nicht mehr akzeptieren. Sie haben schlichtweg ausgedient und sind veraltet. Doch endet damit eine Ära des männlichen Machterhalts durch Pflege informeller Netzwerke und durch begünstigte systemische Strukturen? Leider nicht …

Welcome to the „Young Boys Club“

Die Transformation zu einem Young Boys Club hat bereits begonnen bzw. ist sie bereits in vollem Gange. Dir ist das noch gar nicht aufgefallen? Ich kann dich beruhigen – mir bis vor kurzem auch noch nicht. Es ist auch gar nicht leicht, die Mitglieder zu enttarnen, da sie sich gekonnt unter dem Deckmantel von New Work und der dahinter stehenden Werte verstecken: gleiche Chancen und Möglichkeiten für alle, mit größtmöglicher Freiheit und Flexibilität, damit die individuellen Bedürfnisse abgedeckt werden können:

„Frauenförderung, speziell in unterrepräsentierten Bereichen, ist absolut essentiell!“

“Kinderbetreuungsangebote sollen gezielt Eltern (also Frauen und Männer) ansprechen.“

“Diversität erhöht die MitarbeiterInnen-Bindung und auch nachweislich die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen.“

“Wir setzen auf flexibles Arbeiten!“

See Also

“Väterkarenz ist bei uns überhaupt kein Problem!“

“Alternative Karrierewege und Frauen in der Führung werden bei uns gefördert & forciert.“

Du merkst, es ist gar nicht einfach die Young Boys aufzudecken, denn sie verstecken ihre konservativen Werte hinter vielen liberalen Aussagen. Und dies sind nur einige Beispiele – da gibt es natürlich viel viel mehr. Doch wie merkt man nun, dass man es mit einem Young Boys Club Member zu tun hat? Ganz einfach: Wenn es wirklich darauf ankommt, Farbe zu bekennen und Taten sprechen zu lassen, dann fällt die Maske und das uralte konservative Gesicht bzw. Gedankengut kommt zum Vorschein. Denn plötzlich ist alles gar nicht mehr so einfach und schlussendlich doch kompliziert, wenn es um die Umsetzung geht. Die Aussagen oberhalb sind gegenwärtig schon zu sehr marketinglastigen Sätzen mutiert, die sich fast jede Organisation auf die Fahnen heftet. Natürlich geht es hier auch immer um Positionierung und um den Erhalt des Unternehmenserfolgs durch das Recruiting von Talenten. Als Unternehmen kann man es sich heutzutage, speziell im „War for Talents“ kaum mehr leisten, nicht auf diese Werte zu setzen. Deshalb schickt der Old Boys Club auch den Young Boys Club quasi auf den Weg, dafür einzustehen und genau diese zu vertreten. Da und dort passieren auch gute Initiativen, die hier einzahlen und für eine kleine Zielgruppe Veränderungen schafft. Doch der große Change ist in weiter Ferne. New Work wird somit zum „Scheinbild“, fast schon einer Utopie, der man „ja ganz ehrlich“ versucht nachzueifern. Wer‘s glaubt …

#Fazit

Die Arbeitswelt da draußen verändert sich und die Player darin auch. Es geht auch weiterhin um Machterhalt und Positionierung, nicht darum, gemeinsam die Arbeitswelt neu zu gestalten und wirkliche Veränderungen am Arbeitsmarkt herbeizuführen. Die täglichen Nachrichten führen uns dies vor Augen: prekäre Arbeitsverhältnisse, schlechte Bezahlung, fehlende Betreuungsmöglichkeiten uvm. Es trifft wie immer nicht jene, die sowieso schon Nutznießer von diesem System sind, sondern jene, die hier unterrepräsentiert werden. Der Young Boys Club weiß um seine neue strategische Ausrichtung Bescheid und nutzt diese für sich gekonnt aus: Oberflächliche Versprechungen, die sehr liberal und zukunftsweisend nach New Work klingen, werden kaum oder nur so weit umgesetzt, dass eine starke Disruption des patriarchalen Systems tunlichst vermieden wird. The Old Boys Club is dead … long live the Young Boys Club!

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