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Wieso zyklusorientiertes Arbeiten kein Neuzeitquatsch, sondern längst überfällig ist

Wieso zyklusorientiertes Arbeiten kein Neuzeitquatsch, sondern längst überfällig ist

Ich kann heute nicht zum Termin kommen, ich hab’ Zyklus! Wieso zyklusorientiertes Arbeiten kein Neuzeitquatsch, sondern längst überfällig ist…

Seit ich als Teenie das erste Mal meine Tage bekommen habe, kämpfe ich. Ich habe nicht „mit“ ihnen zu kämpfen, sondern kämpfe ganz aktiv um meinen Verstand und Körper, während ich nun mal unvermeidlich blute. Meine Periode war schon immer eine Qual, wie bei unglaublich vielen Menstruierenden. Doch meine Periode ist nicht mein Zyklus. Und dieser Zyklus ist nicht mein Feind, gegen den ich kämpfen muss. Das habe ich jetzt, nach fast 20 Jahren, dann auch endlich verstanden.

Der Zyklus dreht sich für die absolute Mehrheit des Lebens einer Frau unaufhörlich weiter. Hat man ihn hinter sich gebracht, hat er schon längst wieder von vorne begonnen. Bedeutet: Wir akzeptieren lieber ganz schnell, dass der Zyklus zum Leben dazugehört. Und zwar zu allen Aspekten, auch der Arbeit. Bevor ich mich auf das Thema konzentriere, will ich schnell ein paar Basics platzieren.

Ich weiß mittlerweile, wann ich was leisten kann. Wann ich noch ein bisschen mehr auf die To-do-Liste packen kann und wann auch einfach mal gut ist. Es ist zwecklos, mich selbst zu mehr zu zwingen, wenn es einfach nicht geht.

Carmen Kroll aka Creatorin Carmushka auf Instagram, Autorin, Unternehmerin, Mama, Menstruierende und seit neustem Zyklus-Fan

Die Phasen des Zyklus

Ich bin keine Expertin auf dem Gebiet, gebe mir aber Mühe, Expertin über meinen eigenen Zyklus zu werden. Ganz grob gesagt: Der Zyklus kann in vier Phasen unterteilt werden, die in ihrer Gänze mehr oder weniger (und eigentlich so gut wie nie) 28 Tage umfassen:

Phase 1: Menstruationsphase (meh)

Während dieser Phase wird die Gebärmutterschleimhaut abgestoßen, wenn keine Befruchtung stattgefunden hat. Typische Symptome: Krämpfe im Unterleib, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit und Brustempfindlichkeit. Alles wenig empfehlenswert.

Diese Phase steht aber neben den konkreten biologischen Vorgängen auch für Stille, Rückzug, Regeneration. Außerdem für verdammt viel Zeit auf der Toilette und häufig auch für Schmerz. Jetzt gilt: Geduld mit sich selbst haben und auch einfach mal mit der Decke auf die Couch. Auch wenn alle Gelüste nach fettigem Essen schreien: Gut tut es dem Körper jetzt nicht. Genauso wenig wie übermäßige Hautpflege – kann der Körper grade einfach nicht aufnehmen, lieber auf die Basics und Feuchtigkeitspflege konzentrieren.

Phase 2: Follikelphase (juhu!)

Nun reifen in den Eierstöcken mehrere Follikel heran, von denen jedes eine Eizelle enthält. Gleichzeitig wird das Hormon Östrogen produziert, das die Gebärmutterschleimhaut aufbaut, um eine potenzielle Schwangerschaft zu unterstützen.

Die Stimmung wird besser, die Energie kommt aus dem Nichts, Körper und Geist wollen und können leisten. Wir sind selbstbewusster und fühlen uns wohl in unserer Haut, die nun auch endlich all die guten Seren wieder verarbeiten kann.

Phase 3: Eisprung (bäm!)

Die reife Eizelle wird aus einem Follikel im Eierstock freigesetzt und wandert durch den Eileiter in Richtung Gebärmutter. Hallo, maximale Fruchtbarkeit!

Höher schießt der Hormonhaushalt nicht mehr, das nehmen wir doch mit. Die Energie bleibt, wir sind offen und bereit für Verbindung (ja, auch diese Verbindung). Die Libido lässt grüßen, die Haut strahlt und wir haben Bock aufs Leben!

Phase 4: Lutealphase (om)

Jetzt bildet sich nach dem Eisprung aus dem leeren Follikel eine Struktur namens Gelbkörper im Eierstock. Der Gelbkörper produziert das Hormon Progesteron, das die Gebärmutterschleimhaut verdickt und auf eine mögliche Einnistung einer befruchteten Eizelle vorbereitet.

Zeit, um von dem High der letzten Tage runterzukommen. Die Gefühle wollen sortiert werden, wir suchen den Fokus (manchmal vergeblich) und sollten uns erden, um Halt zu kriegen.

In diese Phase legen wir besser keine stressigen Termine, womit wir nun auch endlich beim eigentlichen Thema wären.

Zum zyklusorientierten Arbeiten gehört auch, dass der Zyklus Thema sein darf und im Unternehmen Rücksicht genommen wird. Das reicht von Menstruationsartikeln auf den Toiletten über Home-Office-Optionen während der Periode bis hin zur Krankschreibung, die nicht mit gerollten Augen entgegengenommen wird.

Carmen Kroll aka Creatorin Carmushka auf Instagram, Autorin, Unternehmerin, Mama, Menstruierende und seit neustem Zyklus-Fan

Zyklusorientiertes Arbeiten

Darunter versteht man die Anpassung des Arbeitsalltags an den natürlichen Menstruationszyklus. Emotionale und hormonelle Schwankungen werden berücksichtigt, Stärken und Schwächen der jeweiligen Phase erkannt und genutzt.

Es gibt Phasen, wie die Luteal- und Menstruationsphase, in denen wir Frauen biologisch bedingt weniger energiegeladen und leistungsfähig sind als in anderen Phasen. Vielleicht sind wir immer noch sehr viel produktiver als andere, aber unser persönliches Potential können wir in diesen „Down-Phasen“ nicht vollumfänglich nutzen. Das frustriert.

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In einer perfekten Zyklus-Welt finden Termine, Projekte und Events, in denen viel Aufmerksamkeit, Kreativität und Energie gefordert ist, ausschließlich in der Follikelphase und zum Eisprung statt. Das kann bei Selbstständigen schon gut funktionieren, gehen wir nun aber auf Startup- oder sogar Konzernbasis, wird es knifflig. Wir Frauen synchronisieren unsere Zyklen zwar oft (unbeabsichtigt), aber die komplette Arbeitswelt kann nicht plötzlich Termine so legen, dass sie für alle von uns perfekt in den Zyklus passen. Leider.

(C) Carmen Kroll

Also, was tun? Aufgaben für sich selbst so legen, dass sie den eigenen Ansprüchen entsprechend bewältigt werden können. Auch in der Lutealphase können wir produktiv und kreativ sein! Wir müssen nur an einigen Stellschrauben drehen und mehr Geduld für uns selbst mitbringen und gegebenenfalls von der Chef:innen-Etage einfordern.

Ich weiß mittlerweile, wann ich was leisten kann. Wann ich noch ein bisschen mehr auf die To-do-Liste packen kann und wann auch einfach mal gut ist. Es ist zwecklos, mich selbst zu mehr zu zwingen, wenn es einfach nicht geht. Das Ergebnis ist dann für niemanden schön.

Zum zyklusorientierten Arbeiten gehört auch, dass der Zyklus Thema sein darf und im Unternehmen Rücksicht genommen wird. Das reicht von Menstruationsartikeln auf den Toiletten über Home-Office-Optionen während der Periode bis hin zur Krankschreibung, die nicht mit gerollten Augen entgegengenommen wird.

Zyklusorientiertes dickes Fell

Nein, das hat nichts mit Körperbehaarung zu tun. Sondern eher mit der Reaktion auf Aussagen von – sagen wir mal – Menschen, die große Fans von jahrzehntelangen etablierten Arbeitshierarchien und Mustern sind.

„Kein Wunder, dass alles den Bach runtergeht. Wo führt das denn bloß hin!?“ – leicht paraphrasiert, aber nicht weniger schwachsinnig. Lieber Herr, das führt dazu, dass Frauen in der Arbeitswelt nicht nur (widerwillig) akzeptiert werden, sondern auch den Respekt und die Anerkennung einfordern, die ihnen zusteht.

Wir bluten, wir schwanken hormonell, wir sprechen drüber, weil es keine Schwäche, sondern verdammt nochmal Biologie ist.

In diesem Sinne: Der Zyklus ist nicht unser Feind – auch nicht in der Arbeitswelt. Er ist leider oft ein Tabu, das wir nun gemeinsam ganz schnell entkräften.

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