Marienthal reloaded: Der Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit

Nach 1930 steht der kleine Ortsteil der Gemeinde Gramatneusiedl im Jahr 2022 wiederum in den Schlagzeilen. Dieses Mal sagt die Region der Langzeitarbeitslosigkeit den Kampf an. Mit Erfolg, wie die erste Evaluation des kürzlich gestarteten Projekts „MAGMA“ gezeigt hat. Wie Marienthal es geschafft hat, den Wert der Langzeitarbeitslosigkeit auf Null zu setzen. Und was genau dies mit einer Arbeitsplatzgarantie zu tun hat, gibt’s hier zu lesen …

Marienthal: von 1930 bis 2022

Schon während meines Soziologie-Studiums ist mir die berühmte „Marienthal-Studie“ von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld untergekommen. Dieser kleine Ortsteil der Gemeinde Gramatneusiedl südlich von Wien erlangte in den 1930er Jahren Berühmtheit. Vor allem im Zusammenhang mit Wirtschaftskrise, Hoffnungslosigkeit und Jobverlust. Diese damals bahnbrechende Studie zeigte vor allem die negativen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Gesellschaft auf, nachdem die ortsansässige Textilfabrik im Jahr 1930 schließen musste und mehr als 1.000 Menschen kurzfristig arbeitslos geworden sind. Jetzt, im Jahr 2022 macht Marienthal wiederum mit Arbeitslosen Schlagzeilen, nun aber im positiven Sinne. Das Projekt MAGMA (Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal) setzt sich zum Ziel, Langzeitarbeitslosigkeit abzuschaffen. Und erste Erfolge gibt’s bereits zu verbuchen.

Keine Langzeitarbeitslosigkeit mehr

Die Gemeinde meldet: Es gibt keine Langzeitarbeitslosen mehr. Der Wert ist also auf Null gesunken. Und auch jener Wert der Arbeitslosigkeit im Allgemeinen zeigt einen Trend nach unten. Wie kam es dazu? Das MAGMA Best Practice Projekt, welches ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Wien und der University of Oxford ist, garantiert, dass jede Person, die mindestens 1 Jahr und 1 Tag ohne Arbeit ist, einen Job bekommt. Es gibt keine Vorbedingungen, alles passiert auf freiwilliger Basis und basiert auf einem Kollektivvertrags-Gehalt von EUR 1.564,- brutto / Monat (Vollzeit) zuzüglich Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Mittlerweile hat das Projekt an die 100 Teilnehmende, für die die Teilnahme ein voller Erfolg ist. Zu Beginn gaben noch etwa 8 % an, dass am Ende des Monats das Geld für Lebensmittel fehlen würde. Heute, nach der Erstevaluation vor einigen Wochen, haben alle am Ende des Monats genug zu Essen. Darüber hinaus gaben die Teilnehmenden an, weniger an Schlafstörungen, Angstzuständen und Hautproblemen zu leiden als vorher.

Arbeitsplatzgarantie als Erfolgsmodell

Auch das AMS Niederösterreich zeigt sich sehr erfreut, denn die Arbeitsplatzgarantie schafft keinen Verdrängungseffekt, sondern scheint sogar den Arbeitsmarkt positiv zu stimulieren. 30 von etwa 100 Langzeitarbeitslose schaffen durch eine intensive Betreuung den Wiedereinstieg in die Privatwirtschaft. Die restlichen Teilnehmenden schaffen durch ihre Tätigkeit bei der Gemeinde oder bei gemeinnützigen Vereinen einen Mehrwert für die Gesellschaft:

„Wenn die Kindergartenkinder schöne Gemüsebeete haben, die Grünflächen im Ort von Magma-Mitarbeiter:innen gepflegt werden, die Parkbänke saniert sind oder man im Naschgarten gratis Gemüse pflücken kann, profitieren alle Menschen in der Gemeinde.“

Bürgermeister Thomas Schwab im Interview mit Der Falter

Bei all dem stellt sich natürlich auch die Frage der Finanzierung. Für jede/n Teilnehmer:in sind pro Jahr EUR 30.000,- im Projekt budgetiert. Das mag auf den ersten Blick viel erscheinen, doch addiert man die Kosten für das Arbeitslosengeld und die entgangene Steuerleistung eines Langzeitarbeitslosen, dann kostet es dem Staat ähnlich viel Geld. Dies natürlich ohne Mehrwert für die Betroffenen und die Gesellschaft.

Die soziale Verpflichtung der Gesellschaft

Das Stigma des faulen Arbeitslosen muss endlich gebrochen werden. Soll es einige Personen geben, die Arbeitslosigkeit bewusst anstreben, doch mit sich glücklich und zufrieden können auch diese Menschen nicht werden. Je länger sich Menschen in einer Arbeitslosigkeit befinden, desto mehr kommen sie in die Negativspirale und aus dieser kaum mehr heraus. Deshalb wird beim Projekt MAGMA auch auf eine intensive Betreuung gesetzt. Die Teilnehmer:innen müssen teilweise wiederum lernen, Struktur in ihren Alltag zu bekommen und einen geregelten Tagesablauf zu erwerben. Damit einher gehen oft psychische Erkrankungen, weil man (auch aufgrund des geringen Arbeitslosengeldes) nicht so am gesellschaftlichen Leben partizipieren kann, wie andere es tun.

Marienthal ist nicht umsonst eine Best Practice Region und zeigt die positiven Effekte auf, wenn man von der Arbeitslosigkeit wiederum in das Arbeitsleben kommt. Ich hoffe sehr, dass dieses Projekt auf weitere Regionen ausgeweitet wird und wir so als Gesellschaft Menschen helfen, wiederum Wertschätzung und einen Sinn zu verspüren. Über das Stigmata des Nichtstuns habe ich bereits einen Artikel verfasst. Vergiss nicht: Eine Gesellschaft ist nur so stark wie ihr schwächstes Mitglied.

#LinkBox

Falter.morgen Newsletter: Marienthal schafft die Arbeitslosigkeit ab

See Also
Neujahrsvorsätze_Feuerwerk

NÖ ORF.at: Keine Langzeitarbeitslosen mehr

ams.at: Weltweit erstes Projekt mit Arbeitsplatzgarantie

Arbeitplus: MAGMA Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal

Artikel: Das Stigma des Nichtstuns

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