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Der unsichtbare Whistleblower des Prekariats

Der unsichtbare Whistleblower des Prekariats

Vielleicht hast du’s schon bemerkt: Es gibt einen neuen Whistleblower, der uns fast wöchentlich mit neuen Infos versorgt bzw. die prekärsten Arbeitsverhältnisse aufdeckt, die sonst unter den Tisch gekehrt werden würden. Es gibt ihn noch nicht so lange, er geht sehr konsequent vor und arbeitet vor allem unsichtbar – niemand sieht ihn also …

Und wer soll das sein?

Geht es irgendwo nicht mit rechten Dingen zu, dann ist er zur Stelle und informiert uns recht rasch über die Situation. Es erfährt dabei aber nicht nur eine kleine ausgewählte Gruppe, sondern – je nach Ausmaß der Unmenschlichkeit – auch gleich ein paar Länder, manchmal auch ganz Europa. Doch wer ist nun dieser Whistleblower? Und warum ist er so schwer ausfindig zu machen oder gar zu bannen? Darf ich vorstellen: Spitzname Corona, genauer genommen: SARS-CoV-2, kurz Covid-19.

Die Spargelernte-HelferInnen aus dem Marchfeld

Wenn du mir schon länger folgst, dann ist dir ja bereits bekannt, dass ich nicht aus Wien, sondern ursprünglich aus dem Marchfeld komme. Dieses befindet sich im östlichen Niederösterreich, direkt zwischen Wien und der Landesgrenze zur Slowakei. Es ist soweit nicht wirklich bekannt, es passiert dort auch nicht recht viel, außer, dass hier viel Landwirtschaft betrieben wird und das Gemüse (Spargel, Erbsen, Karotten etc.) durch IGLO Österreich vertrieben wird. Vor einigen Wochen stand das Marchfeld plötzlich doch recht präsent in den Medien – warum? Weil ausländische SpargelhelferInnen dort unter den widrigsten und menschenunwürdigsten Bedingungen für die Zeit der Spargelernte leben müssen. Sogar das Wort der „modernen Sklaverei“ fiel hier, und dass vor den Toren Wiens im Jahr 2020, wo zwischen Kollektivverträgen und dem Rechtsstaat niemand mehr an Sklaverei denkt. Auch diese Berufsgruppe gehört zu den viel zitierten „systemrelevanten“ Jobs, ohne die wir kein österreichisches Obst & Gemüse zur Verfügung hätten.

Es kommt mir sehr grotesk und abgehoben vor, von einer neuen coolen Arbeitswelt, also New Work zu sprechen, wenn zur selben Zeit ArbeitnehmerInnen als moderne SklavInnen gehalten werden.

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Ani, Karrieregeflüster

Die moderne Sklaverei in Europa – im Jahr 2020 – auch vor den Toren Wiens

Dieser Fall ist nur ein Beispiel, welcher in den Medien für einige Tage herumgeisterte. Mittlerweile sind viele weitere bekannt (Österreichische Post, Tönnies in Deutschland, die 24 Stunden-Pflegekräfte etc.) und die meisten haben eines gemeinsam: Hier arbeiten Menschen unter Bedingungen, die man im Jahr 2020 nicht mehr für möglich gehalten hätte. Prekäre Arbeitsbedingungen bekommen hier nochmals einen ganz anderen Touch als zuvor, denn das, was wir hier teilweise vorfinden, ist wirklich bereits moderne Sklaverei. Hier werden Kollektivverträge ausgehebelt und rechtliche Rahmenbedingungen so umgangen, dass derartige Verhältnisse überhaupt erst möglich werden. Meiner Meinung nach, darf Profit und Rentabilität nie über dem Wohlergehen von Menschen und deren Arbeitskraft stehen, weshalb ich in dieser Hinsicht unserem neuen Whistleblower dankbar bin, dass diese Missstände nun aufgedeckt werden. Weiters hoffe ich natürlich, dass dahingehend auch die betroffenen Unternehmen und zuständigen Personen handeln bzw. in letzter Instanz natürlich auch der Gesetzgeber, denn im Jahr 2020 darf dies eigentlich kein Thema mehr sein. Covid-19 hat vor allem eines gezeigt: dass jene Menschen, die diese oft systemrelevanten Aufgaben für die Gesellschaft erledigen, oftmals aus dem Ausland kommen, großteils weiblich sind, vor allem zu Dumping-Preisen und häufig unter unwürdigen Bedingungen arbeiten!

#FromMeToYou

Diese Vorkommnisse haben mir wiederum gezeigt, dass auch ich in einer Bubble lebe und selbst irrsinnig viel Glück hatte, nie derartige Arbeitssituationen zu erleben bzw. nie mit diesen umgehen musste. Die Arbeitswelt hat viele Facetten, New Work ist eine davon, wobei vorrangig derartige Arbeitsverhältnisse aus der Welt geschaffen werden müssen. Es kommt mir sehr grotesk und abgehoben vor, von einer neuen coolen Arbeitswelt, also New Work zu sprechen, wenn zur selben Zeit ArbeitnehmerInnen als moderne SklavInnen gehalten werden.

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